HerkunftVom Weberkamm zur Heilpflanze

Wer im Spätsommer an einer Brache vorbeigeht, sieht sie sofort: mannshohe Stängel mit stacheligen Köpfen, die wie kleine Igel in der Sonne stehen.
Die Wilde Karde (Dipsacus fullonum, Synonym Dipsacus sylvestris) ist eine zweijährige Pflanze. Im ersten Jahr bildet sie nur eine flache Blattrosette und eine kräftige, fleischige Pfahlwurzel. Erst im zweiten Jahr schießt der Stängel bis zu zwei Meter in die Höhe, und die eiförmigen Blütenköpfe blühen in einem auffälligen lila Ring, der von der Mitte nach oben und unten wandert.
Ihr Name erinnert an das Kardieren, das Aufrauen von Wolle und Tuch. Dafür nutzten die Tuchmacher allerdings vor allem die verwandte Weberkarde (Dipsacus sativus) mit ihren hakigen Spreublättern. Die Wilde Karde war eher die Heilpflanze am Wegesrand.
Auffällig sind die Blätter am Stängel: Sie sind paarweise miteinander verwachsen und bilden kleine Becher, in denen sich Regen und Tau sammeln. Diesem Wasser schrieb man früher besondere Kräfte zu, Namen wie „Venusbad“ oder „Zisternenpflanze“ erzählen davon. Mädchen sollen sich damit gewaschen haben, um schön zu werden.
Schon der griechische Arzt Dioskurides beschrieb eine Zubereitung aus der in Wein gekochten Wurzel, die man auf Warzen sowie auf Schrunden und Fisteln auftrug. Über Jahrhunderte blieb die Karde ein Mittel der Volksheilkunde für die Haut, bis sie in der Wissenschaft fast vergessen war.
NutzenHaut, Gelenke und die Borreliose-Frage
In der europäischen Volksheilkunde wurde die Kardenwurzel traditionell äußerlich bei kleinen Wunden, Hautschrunden, Einrissen, Fisteln und Warzen verwendet, als Einreibung auch bei rheumatischen Beschwerden. Innerlich galt sie als bitteres Mittel für Verdauung und Stoffwechsel. Diese Anwendungen sind überliefert, aber nie in klinischen Studien geprüft worden.
Bekannt geworden ist die Karde in den letzten zwanzig Jahren vor allem durch den Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl. In seinem Buch „Borreliose natürlich heilen“ (2007) beschreibt er, wie er selbst und andere die Kardenwurzel bei Borreliose einsetzten. Seitdem wird die Karde in der Naturheilkunde oft als Begleitpflanze zur ärztlichen Behandlung genannt. Wichtig und ehrlich: Es gibt keine klinischen Studien, die zeigen, dass die Karde den Verlauf einer Borreliose beim Menschen beeinflusst. Die Berichte sind Erfahrungswissen.
Was es gibt, sind Laborversuche. 2011 testete eine deutsche Arbeitsgruppe Extrakte aus frischen Kardenwurzeln gegen Borrelien im Reagenzglas. Die fettlöslichen Auszüge (mit Ethylacetat und Dichlormethan gewonnen) hemmten das Wachstum der Bakterien, der wasserhaltige alkoholische Auszug dagegen nicht. Welche Stoffe dafür verantwortlich sind, blieb offen.
Eine estnische Arbeitsgruppe untersuchte 2022 Auszüge aus Kardenblättern. Der Gesamtextrakt drückte die Lebensfähigkeit ruhender Borrelien im Labor deutlich, schädigte aber auch Zellen. Gereinigte Iridoid-Fraktionen (Sylvestroside III und IV) waren verträglicher, wirkten dafür schwächer. Das alles sind spannende erste Schritte, aber eben Zellkultur, kein Mensch.
InhaltsstoffeWas in der Wurzel steckt
Die wichtigste Stoffgruppe der Kardenwurzel sind Iridoide, bittere Pflanzenstoffe, die auch in Enzian oder Baldrian vorkommen. In einer Untersuchung von 2020 machte Cantleyosid rund zwei Drittel der Iridoide in der Wurzel aus, daneben fanden sich Loganinsäure, Sylvestrosid III, Loganin und etwas Swerosid.
Dazu kommen Kaffeesäureverbindungen wie die Chlorogensäure, die man auch aus Kaffee und Artischocke kennt. Sie gelten als antioxidativ. Im selben Versuch hemmte nur der Wurzelextrakt, nicht der Blattextrakt, im Labor die Bakterien Staphylococcus aureus und Escherichia coli.
Die Blätter enthalten insgesamt mehr Iridoide und Polyphenole als die Wurzel, vor allem Sylvestrosid III und Flavone. Traditionell verwendet wird trotzdem die Wurzel, und auf sie beziehen sich auch die Borrelien-Versuche von 2011. Saponine, wie sie für die asiatische Art Dipsacus asper typisch sind, sind bei der Wilden Karde kaum untersucht.
Verstärkte KombinationenMit wem die Karde gut kann
Die Karde wird in der Naturheilkunde gern mit Pflanzen kombiniert, die Haut, Gelenke und Ausscheidung unterstützen.
Die Teufelskralle hat eine HMPC-Monographie bei leichten Gelenkschmerzen und ergänzt die Karde dort, wo sie traditionell eingesetzt wird.
Brennnesselkraut wird traditionell zur Durchspülung und bei leichten Gelenkbeschwerden verwendet und passt gut zu einer Kur mit Bitterpflanzen.
Löwenzahn bringt eigene Bitterstoffe mit und wird traditionell für Verdauung und Galle genutzt.
Für Umschläge auf kleine Hautschrunden ergänzt die hautpflegende Ringelblume die herbe Kardenwurzel.
In Borreliose-Protokollen der Naturheilkunde werden Karde und Katzenkralle oft zusammen genannt, belegt ist auch diese Kombination nicht.
Was sich beißtDiese Kombinationen lieber lassen
Bei einer frischen Borreliose ist die ärztliche Behandlung entscheidend, die Karde kann höchstens begleiten.
Beinwell ist wegen seiner Pyrrolizidinalkaloide nur für die äußere Anwendung gedacht, auch wenn er in Gelenkmischungen auftaucht.
Arnika gehört nur äußerlich auf intakte Haut, innerlich kann sie giftig wirken.
Wer fünf Pflanzen auf einmal nimmt, weiß hinterher nicht, was guttut und was nicht vertragen wird.
AnwendungSo wird die Karde zubereitet
- TinkturDie gängigste Form. Dosierung nach Angabe des Herstellers, meist einige Tropfen in etwas Wasser, mehrmals täglich.
- Alkoholfreie TinkturGut für alle, die Alkohol meiden möchten, aus gesundheitlichen oder persönlichen Gründen; Menge laut Etikett.
- Wurzeltee1 Teelöffel (etwa 2 g) geschnittene Wurzel mit 250 ml kaltem Wasser ansetzen, kurz aufkochen und 10 Minuten ziehen lassen.
- Langsam einsteigenMit einer kleinen Menge beginnen und über einige Tage steigern, um die Verträglichkeit zu prüfen.
- UmschlagAbgekühlten, kräftigen Wurzelsud auf ein sauberes Tuch geben und 15 bis 20 Minuten auf kleine Hautschrunden legen.
- WaschungDen Sud zum Abtupfen rauer, rissiger Hautstellen verwenden, nicht auf große oder tiefe Wunden.
- ErnteNur Wurzeln einjähriger Rosetten graben; nach der Blüte verholzt die Wurzel und ist kaum noch brauchbar.
- AufbewahrungGetrocknete Wurzel dunkel und trocken lagern, Tinktur gut verschlossen und kühl.
Als HausmittelEin altes Rezept für raue Haut
Kardenwurzel-Umschlag
- 2 Teelöffel getrocknete, geschnittene Kardenwurzel in 250 ml kaltes Wasser geben.
- Langsam aufkochen und zugedeckt 10 Minuten leise köcheln lassen.
- Abseihen und auf Körpertemperatur abkühlen lassen.
- Ein sauberes Baumwolltuch tränken, leicht auswringen und 15 bis 20 Minuten auflegen.
Traditionell für kleine Hautschrunden, raue Einrisse an Händen oder Fersen und für die Pflege nach kleinen Kratzern. Nicht für offene, tiefe oder entzündete Wunden.
Ein bis zwei Mal täglich, den Sud jeden Tag frisch zubereiten und nicht länger als eine Woche anwenden, ohne dass es besser wird.
Ayurveda & TCMWas die alten Systeme sagen
Ayurveda
Im Ayurveda kommt die Wilde Karde nicht vor, eine klassische Überlieferung gibt es nicht. Nach ihren Eigenschaften, bitter, herb und trocknend, würde man sie als Pflanze einordnen, die Pitta und Kapha eher beruhigt und Vata in größeren Mengen anregen kann. Das ist eine Übertragung nach Prinzip, keine Überlieferung.
Traditionelle Chinesische Medizin
In der Traditionellen Chinesischen Medizin ist Xu Duan („was Gebrochenes wieder verbindet“) eine bekannte Arznei. Gemeint ist aber nicht unsere Wilde Karde, sondern die Wurzel der asiatischen Art Dipsacus asper (auch Dipsacus asperoides). Sie gilt als bitter, scharf und leicht wärmend, wird Leber und Niere zugeordnet und klassisch bei Schwäche von Lendenwirbelsäule und Knien, bei Verletzungen von Sehnen und Knochen eingesetzt. Ihr Leitstoff ist das Saponin Asperosaponin VI, das in Hongkonger Arzneibuchstandards mit mindestens 2 Prozent gefordert wird. Für die europäische Dipsacus fullonum sind diese Aussagen nicht belegt, die beiden Arten sollte man nicht gleichsetzen.
WarnhinweiseWann du aufpassen solltest
Bitte beachten
- Borreliose ist ein Fall für die Ärztin: Eine Wanderröte nach Zeckenstich oder unklare Gelenk-, Nerven- und Herzbeschwerden gehören ärztlich abgeklärt und behandelt. Die Karde ersetzt keine Antibiotikatherapie.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Es gibt keine Daten zur Sicherheit, deshalb lieber verzichten.
- Kinder: Für Kinder fehlen Erfahrungen und Studien, Anwendung nur nach Rücksprache.
- Magen: Die Bitterstoffe können bei empfindlichem Magen Unwohlsein auslösen, dann die Menge senken oder nach dem Essen einnehmen.
- Herxheimer-Reaktion: In der Naturheilkunde wird berichtet, dass sich Beschwerden anfangs verstärken können. Das ist nicht untersucht; wenn es dir schlechter geht, setz die Karde ab und sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
- Wildsammlung: Nur sammeln, wenn du die Pflanze sicher erkennst, und nicht an Straßenrändern oder gespritzten Feldern.
Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden bitte abklären lassen.
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QuellenWorauf sich das stützt
- Liebold T, Straubinger RK, Rauwald HW. Growth inhibiting activity of lipophilic extracts from Dipsacus sylvestris Huds. roots against Borrelia burgdorferi s. s. in vitro. Pharmazie 2011; 66(8): 628 bis 630.
- Saar-Reismaa P, Bragina O, Kuhtinskaja M, Reile I, Laanet PR, Kulp M, Vaher M. Extraction and Fractionation of Bioactives from Dipsacus fullonum L. Leaves and Evaluation of Their Anti-Borrelia Activity. Pharmaceuticals 2022; 15(1): 87.
- Oszmiański J, Wojdyło A, Juszczyk P, Nowicka P. Roots and Leaf Extracts of Dipsacus fullonum L. and Their Biological Activities. Plants 2020; 9(1): 78.
- Skała E, Szopa A. Dipsacus and Scabiosa Species: The Source of Specialized Metabolites with High Biological Relevance. A Review. Molecules 2023; 28(9): 3754.
- Storl WD. Borreliose natürlich heilen. Ethnomedizinisches Wissen, ganzheitliche Behandlung und praktische Anwendungen. AT Verlag, Aarau 2007.
- Chinese Medicine Regulatory Office, Department of Health Hong Kong. Hong Kong Chinese Materia Medica Standards, Volume 5: Dipsaci Radix.
- Bildnachweis: Karde. Foto: Romzig, CC0, via Wikimedia Commons


