Wie Allergien wirklich entstehen
Pollen, Katzenhaare oder Nüsse lösen die Reaktion aus. Aber warum niest der eine den ganzen Mai durch, während sein Nachbar im selben Garten nichts merkt? Die Biologische Medizin hat dafür ein starkes Bild: den Allergie-Tempel. Das Allergen ist darin nur eine von sechs Säulen.
Das Allergen ist der Funke, nicht das ganze Feuer
Was bei einer Allergie passiert, ist gut erforscht: Dein Immunsystem hält etwas Harmloses für einen Angreifer. Es bildet Antikörper, und beim nächsten Kontakt schütten bestimmte Abwehrzellen Botenstoffe aus, allen voran Histamin. Die Folge kennst du: Niesen, tränende Augen, Juckreiz, im schlimmen Fall Atemnot.
Offen bleibt dabei eine Frage, die viele Betroffene umtreibt: Warum gerade ich, und warum gerade jetzt? Hier setzt der Schweizer Arzt Dr. Thomas Rau an, langjähriger Chefarzt der Paracelsus Klinik Lustmühle bei St. Gallen. In seinem Buch „Biologische Medizin“ beschreibt er das Allergen als den Funken. Ob daraus ein Feuer wird, hängt aus seiner Sicht davon ab, wie viel Brennholz im Körper schon bereitliegt.
Er erklärt das mit einem Fass. Jede Belastung füllt es ein Stück weiter: Schadstoffe, ein gestörter Darm, einseitiges Essen, Dauerstress. Lange gleicht der Körper das aus, oft über Jahre. Erst wenn das Fass voll ist, reicht ein kleiner Tropfen, und es läuft über. Dieser letzte Tropfen ist dann zum Beispiel der Birkenpollen, und weil er als Letztes kam, bekommt er die ganze Schuld.
Ein zweites Bild aus dem Buch gefällt uns besonders: Eine Krankheit ist wie ein Mosaik. Ein einzelnes Steinchen ergibt noch kein Bild. Nimmt man aber genug Steinchen heraus, verschwindet das Bild nach und nach. Genau so denkt die Biologische Medizin: Sie sucht nicht die eine Ursache, sondern möglichst viele Teilursachen, die bei jedem Menschen anders zusammengesetzt sind.
Der Allergie-Tempel: sechs Säulen statt einer Ursache
Stell dir die Allergie als Dach eines Tempels vor. Getragen wird es von sechs Säulen, die auf einem gemeinsamen Sockel stehen, und darunter liegt das Fundament. Je mehr Säulen tragen, desto stabiler steht das Dach. Fällt eine weg, wird es wackelig, auch wenn das Allergen selbst bleibt.
I. Das Allergen
Pollen, Tierhaare, Hausstaubmilben, Schimmelsporen oder bestimmte Lebensmittel: Das ist die Säule, die jeder kennt und die beim Allergietest sichtbar wird. Wo du dem Auslöser aus dem Weg gehen kannst, lohnt sich das. Bei Pollen geht das aber kaum, sie fliegen nun mal durch die Luft. Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf die anderen fünf Säulen.
II. Toxine
Rau zählt Schadstoffe zu den wichtigsten Störfaktoren überhaupt: Schwermetalle wie Quecksilber aus alten Amalgamfüllungen, Konservierungsstoffe, Umweltgifte. Sie fordern das Immunsystem aus seiner Sicht ständig zusätzlich, sodass es leichter überreagiert. Wichtig zur Einordnung: Dass Amalgam Allergien begünstigt, ist in der Schulmedizin umstritten und nicht belegt. Lass alte Füllungen deshalb nie auf eigene Faust entfernen, sondern sprich mit einer Zahnärztin oder einem Zahnarzt, der dabei auf Schutzmaßnahmen achtet. Was dich im Alltag sonst belastet, findest du unter Giftstoffe im Alltag.
III. Übersäuerung
In der Naturheilkunde ist damit das Milieu im Gewebe gemeint, nicht das Blut: Dessen Wert hält dein Körper ohnehin sehr eng stabil. Rau beschreibt den Raum zwischen den Zellen als das Gelände, auf dem sich alles abspielt, und viel Zucker, Weißmehl, Fleisch und wenig Gemüse bringen dieses Gelände aus der Balance. Ob es eine solche Gewebe-Übersäuerung im naturheilkundlichen Sinn gibt, ist wissenschaftlich nicht geklärt. Der praktische Rat dahinter ist aber unstrittig gut: mehr Gemüse, Kräuter und Hülsenfrüchte auf den Teller.
IV. Darmflora
Für Rau ist das die zentrale Säule. Ein großer Teil deiner Immunzellen sitzt in der Darmwand, und hier lernt das Immunsystem, was harmlos ist und was nicht. Gerät die Darmflora aus dem Gleichgewicht, eine sogenannte Dysbiose, oder ist die Darmschleimhaut gereizt, kann das die Abwehr aus seiner Sicht dauerhaft in Alarmbereitschaft halten. Dass Darmflora und Allergien zusammenhängen, wird auch in der Schulmedizin intensiv erforscht. Was deinem Darm guttut, ist kein Geheimnis: Ballaststoffe aus Gemüse, Hafer und Leinsamen, Fermentiertes wie Sauerkraut und Joghurt, und möglichst wenig stark Verarbeitetes. Mehr dazu steht in Wie dein Körper wirklich funktioniert.
V. Pilze
Gemeint sind zwei Dinge. Zum einen Schimmelpilze in der Umgebung: Feuchte Wände, ein muffiger Keller oder Schimmel hinter dem Schrank sind eine echte und oft übersehene Belastung, das ist unstrittig. Zum anderen Hefepilze im Darm, die sich bei gestörter Darmflora stärker vermehren können. In Raus Modell gehören beide zu den Faktoren, die das Immunsystem zusätzlich beschäftigen. Ein erster einfacher Schritt: regelmäßig lüften und die Wohnung auf feuchte Stellen prüfen.
VI. Histamin
Histamin ist der Botenstoff, der die typischen Allergiezeichen auslöst. Dein Körper bildet ihn selbst, er steckt aber auch in vielen Lebensmitteln, vor allem in lange gereiften und fermentierten: alter Käse, Salami, Rotwein, Thunfisch aus der Dose, Sauerkraut. Wer ohnehin viel Histamin ausschüttet, kann durch histaminreiches Essen zusätzlich belastet sein. Ein Ernährungstagebuch über zwei bis drei Wochen zeigt oft, ob bestimmte Mahlzeiten deine Beschwerden verstärken.
Worauf alles steht: Ernährung und Psyche
Unter den sechs Säulen liegt der Sockel, und den bildet die Ernährung. Rau meint damit vor allem Lebensmittel, die viele Menschen täglich essen und schlecht vertragen, ohne es zu merken, die sogenannten Grundallergene. In seiner Ernährungslehre stehen dabei vor allem Kuhmilch und Weizen im Fokus. Eine solche Unverträglichkeit muss nicht die klassische Allergie sein, sie kann aus seiner Sicht still im Hintergrund den Darm reizen und damit gleich mehrere Säulen schwächen. Ob das bei dir so ist, klärst du am besten gemeinsam mit einer Ärztin oder Ernährungsfachkraft. Ein Weglassversuch auf eigene Faust über längere Zeit ist keine gute Idee, besonders nicht bei Kindern.
Ganz unten liegt das Fundament, die Psyche. Dauerstress hält den Körper im Kampfmodus, und das wirkt sich auch auf das Immunsystem aus. Dass Stress allergische Beschwerden wie Heuschnupfen, Asthma oder Neurodermitis verstärken kann, beobachten auch viele Schulmediziner. Ruhephasen, genug Schlaf und Bewegung an der frischen Luft sind deshalb keine Nebensache, sondern Teil des Fundaments.
Ein Arzt und seine eigene Allergie
Rau erzählt in seinem Buch von sich selbst. Als Kind hatte er eine starke Pollenallergie, im Studium kam Asthma dazu, später reagierte er so heftig auf Katzenhaare, dass er als junger Landarzt Hausbesuche in Häusern mit Katzen möglichst kurz hielt. Antiallergische Tabletten machten ihn müde, eine Desensibilisierung brachte ihm nichts.
Besser wurde es nach seinem Bericht, als er seinen Darm in den Mittelpunkt stellte, nach der Lehre von F. X. Mayr, und sich vegetarisch ernährte. Ein Rest Asthma blieb. Erst Jahre später fiel einem Zahnarzt seiner Klinik auf, dass noch zwei kleine Amalgamreste in seinem Mund steckten. Nach deren Entfernung und einer Ausleitung sei auch das Asthma verschwunden.
Das ist ein persönlicher Erfahrungsbericht und kein wissenschaftlicher Beleg. Er zeigt aber gut, wie das Modell gemeint ist: Nicht das Allergen hat sich verändert, die Säulen darunter haben es.
Was das für dich bedeutet
Der Allergie-Tempel ist keine Diagnose, sondern eine Denkweise. Sie lädt dich ein, nicht nur auf den Auslöser zu schauen, sondern auf das Ganze. Ein paar Schritte, die du gut selbst gehen kannst:
- Erst abklären lassen. Ein Allergietest bei der Hausärztin, beim HNO-Arzt oder in der Allergologie zeigt, worauf du reagierst. Bei Atemnot, geschwollenen Lippen oder Kreislaufproblemen sofort den Notruf 112 wählen.
- Den Darm füttern. Viel Gemüse, Ballaststoffe und Fermentiertes, wenig Zucker und stark Verarbeitetes.
- Ein Ernährungstagebuch führen. Zwei bis drei Wochen genügen oft, um Muster bei Histamin oder Unverträglichkeiten zu erkennen.
- Die Wohnung prüfen. Feuchte Ecken und Schimmel beseitigen, regelmäßig lüften.
- Für Ruhe sorgen. Schlaf, Pausen und Bewegung gehören zum Fundament.
- Bei alten Amalgamfüllungen das Gespräch mit dem Zahnarzt suchen, statt selbst zu handeln.
Wenn du Begleitung auf diesem Weg suchst, sind Ärztinnen und Ärzte mit der Zusatzbezeichnung Naturheilverfahren gute Ansprechpartner, weil sie beide Blickwinkel kennen. Welche Pflanzen in der Tradition rund um Heuschnupfen und Co. eine Rolle spielen, liest du unter Heuschnupfen und Allergien natürlich begleiten.
Quellen und Einordnung
Das Modell des Allergie-Tempels, das Bild vom Krankheitsfass und der Erfahrungsbericht stammen aus: Dr. med. Thomas Rau, „Biologische Medizin“, Kapitel 1 und 2, mit einem Vorwort von Dr. Konrad Werthmann. Die Biologische Medizin ist eine Richtung der Naturheilkunde. Viele ihrer Annahmen sind wissenschaftlich nicht belegt, wir kennzeichnen das im Text. Die Grundlagen zur allergischen Reaktion findest du gut verständlich beim Allergieinformationsdienst von Helmholtz Munich. Diese Seite ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Behandlung.


